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Ein frischer Herbstsonntag im November

Es ist November. Ein frischer Herbstsonntag. Zu dritt machen wir uns auf, um für unseren Religionsunterricht zu forschen. Wir suchen einen Friedhof, im Stadtplan eingezeichnet auf dem Gelände der Karl Bonhoeffer Klinik.

Was ist das für ein seltsamer Friedhof? Wie alt ist er und welche Menschen sind hier begraben worden? Die Straßen in Wittenau sind fast leer gefegt. Wir begegnen nur einigen Leuten, die wohl ebenfalls Spaziergänger sind.
"Können Sie uns sagen, was das für ein Friedhof hier in Wittenau ist ?'"Ein Friedhof? Nein, da seid ihr sicher falsch, hab' noch nie was von einem Friedhof hier gehört!" sagt uns ein älterer Herr.



Wir gehen weiter bis zum Haupteingang der Klinik in der Oranienburger Straße. Das Gelände ist riesengroß, wir laufen wie durch einen großen Park; vorbei an einem kleinen fast, ausgetrockneten See, durch riesige Blätterhaufen und ab und zu können wir einen Blick auf eines der Gebäude, das zu der Nervenklinik gehört, werfen. Wo ist dieser Friedhof?

Jetzt laufen wir gelegentlich an alten Brunnen vorbei, wie man sie auf Friedhöfen findet. Doch kein einziger Grabstein. Da, eine alte Mauer, oder besser gesagt, der Rest einer roten Backsteinmauer. Sollten dahinter etwa die Gräber liegen? Gespannt laufen wir weiter, doch noch immer nichts, was uns weiterhelfen könnte.

Kleine Büsche, Bäume, sogar einige längst verwucherte Trampelpfade können wir erspähen, doch kein einziger Grabstein, kein Kreuz, nicht mal eine Gedenktafel! Wir suchen weiter, keine Menschenseele begegnet uns, es ist ganz still hier. Da vorne ist eine regelrecht platt gewalzte Fläche. Kein Busch, kein Baum, nur Blätter und kleine Pflanzen. Wir sehen uns das genauer an, doch erkennen nur ein leeres quadratisches Feld. Und auch hier weist nichts auf einen Friedhof hin.

Langsam treten wir den Rückweg an. Etwas enttäuscht natürlich, da wir keinen Friedhof gefunden haben. Jetzt laufen wir auf asphaltierten Straßen dem Ausgang zu, vorbei an den Gebäudekomplexen der Karl Bonhoeffer Nervenklinik. Wir erreichen den Hauptausgang; doch diesmal laufen wir an dem Pförtner nicht vorbei, sondern fragen ihn: "Auf dem Stadtplan ist hier auf diesem Gelände ein Friedhof eingezeichnet. Wo ist er ?" "Den gibt es nicht mehr. Der wurde platt gemacht, schon vor etlichen Jahren."



Wann und für wen er angelegt wurde, kann er uns nicht sagen: "Wahrscheinlich für verstorbene Patienten", sagt der Pförtner noch und gibt uns einen Lageplan des Klinikgeländes, auf dem der Friedhof auch längst nicht mehr eingezeichnet ist. Provisorisch legt der Pförtner nun selbst Hand an und zeichnet den Friedhof ein, wo er sich damals befunden haben soll. "Es existiert aber noch ein Stück der alten Friedhofsmauer", fügt er noch hinzu. Wir haben den platt gewalzten Friedhof also doch gefunden.

Wir verstehen nicht, dass man ihn einfach vernichten konnte. Frau Orland, unsere Religionslehrerin, erzählt uns später, dass auch Fremdarbeiter von 1942 1945 hier begraben worden sind. Auch Opfer des Euthanasie Programms? Schließlich starben in der ehemaligen Kinderstation Wiesengrund Kinder eines unnatürlichen Todes.

Wir wissen es nicht.
Man vernichtete die Grabsteine und somit bleiben die Namen der Verstorbenen und ihr Schicksal wohl für immer vergessen.


Sofie, Marcus, Eliane

Schülerbesuch im Archiv

Ende vorigen Jahres besuchten uns SchülerInnen der 10. Klasse der GeorgHerwegh Schule mit ihrer Religionslehrerin, Frau Orland, um anhand von Dokumenten unseres Gemeindearchivs lebendige Geschichte zu betreiben. Sie hatten sich vorher mit dem EuthanasieProgramm(die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“) der Nationalsozialisten befaßt und wollten nun anhand von Zeugnissen und Dokumenten dessen Auswirkungen in den Wittenauer Heilstätten (jetzt:Karl-Bonhoeffer Klinik) untersuchen. Die Exkursion bestand aus 3 Abschnitten:

- Besuch der ehemaligen Kinderabteilung
- Besuch des ehemaligen Klinikfriedhofs
- Besuch des Gemeindearchivs

Seit Beginn der seelsorgerischen Betreuung der seinerzeitigen "Irrenananstalt der Stadt Berlin" lag diese in Händen der „Pfarrei in Dalldorf“ (Wittenau). In seinem ersten Bericht vom 14.2.1882, der sich in unserem Gemeindearchiv befindet, schreibt Pfarrer Heinrich: "Diese Anstalt ist nicht eine Irren "Heil",sondern Pflegeanstalt,d.h. sie nimmt alle Irren, ob sie heilbar sind oder nicht; erstere werden, nun geheilt, wieder entlassen, letztere bis an ihren Tod verpflegt".

Die Euthanasie Aktion begann mit dem Führererlaß vom 1.9.1939. Allein bis zum 24.08.1941, an dem wiederum durch einen Führererlaß die Aktion gestoppt wurde, um dann in veränderter Form wieder aufgenommen zu werden" waren in ganz Deutschland bereits über 70.000 Patienten getötet worden.

Die Schülerinnen begannen ihre Exkursion mit dem Besuch der Wittenauer Heilstätten. Natürlich interessierten sie sich in besonderer Weise für das Schicksal von Kindern. Im 'Haus Wiesengrund' (jetzt: TBC Fürsorge) erfuhren sie, daß hier 1942 eine Kinderfachabteilung eingerichtet worden war, und zwar mit dem Ziel der "wissenschaftlichen Erfassung erb und anlagebebedingter schwerer Leiden". Von den 175 Kindern starben 95. Als Todesursachen sind überwiegend Lungenentzündung und Herzkreislaufschwäche angegeben.

Anschließend suchten sie den ehemaligen Friedhof auf, um sich Namen von zwischen 1939 und 1945 Verstorbenen zu notieren. Außerdem entdeckten sie lange Reihen, die auf Massengräber hindeuten. Auch viele slawische Namen fielen ihnen auf. Es ist anzunehmen, daß polnische Zwangsarbeiter zu den Opfern zählten.

Der 2. Teil der Exkursion fand in der Küsterei statt. Nachdem sich die SchülerInnen bei einer Tasse Tee aufgewärmt hatten (Herr Scheffelke hatte freundlicherweise Tee aufgebrüht), gingen sie nun daran, die von ihnen notierten Namen mit den Eintragungen in unseren Kirchenbüchern, und zwar den unter 'Heilstätten Wittenau' aufgeführten, zu vergleichen. Nur in einem Fall wurden sie fündig: Den Familiennamen einer Frau hatten sie sowohl auf einem Grabstein als auch Im Kirchenbuch entdeckt. Da der Name dieser Frau im Kirchenbuch mehrmals auftauchte, stellten sich die SchülerInnen die Frage, ob nicht hier evtl. eine ganze Familie von den Maßnahmen betroffen gewesen sei. Großes Interesse weckten die Todesurursachen. Auffallend war auch hier eine Häufung bestimmter Ursachen wie Herzleiden aller Art und Lungenentzündung.

Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang, daß die Euthanasie Aktion, in den Wittenauer Heilstätten hauptsächlich in der Auswahl von Patienten für Transporte, in der Regel nach Obrawalde bei Meseritz, ca. 50 km östlich von Frankfurt/Oder entfernt, bestand. Es waren hauptsächlich nicht mehr Arbeitsfähige. In den Jahren von 1939 bis Ende 1944 wurden 2.013 Patienten nach Obrawalde deportiert und dort, meistens bereits nach wenigen Tagen, getötet. Trotz dieser Deportationen ist jedoch auch in den Wittenauer Heilstätten in jenen Jahren eine, Zunahme von Sterbefällen festzustellen.

Da sich nicht alle SchülerInnen mit den Kirchenbüchern beschäftigen konnten, lasen einige im Gemeindeblatt. Großes Interesse zeigten sie an der Person von Pfarrer Boesler, hatte dieser doch fast ausschließlich die Eintragungen im Kirchenbuch vorgenommen. Da er seit 1931 Pfarrer der Kirchengemeinde Wittenau war, fanden sie einen Artikel, in dem er der Gemeinde vorgestellt worden war.Für die SchülerInnen stellte sich die Frage: was wußte Pfarrer Boesler von den damaligen Geschehnissen in der Klinik?

Pfarrer Boesler gehörte der Gruppe der 'Deutschen Christen' an, die dem vaterländischen Aufbruch unter der Führung Hitlers hudigten. Darstellungen in der Gemeindezeitung zeigen, daß unter seiner Leitung bei Festlichkeiten Hakenkreuzfahnen zu beiden Seiten des Altars hingen. War nicht von daher die Tötung sog. minderwertigen Lebens bzw. die Gesunderhaltung der deutschen Rasse vielleicht auch für ihn eine richtige Lösung? Solche Fragen konnten nicht beantwortet werden.

Noch andere Fragen stellten sich die SchülerInnen Warum wird der ehemalige Friedhof der Wittenauer Heilstätten nicht unter Denkmalschutz gestellt? Nach dem Verfall erfolgte nun die Abräumung. Soll das Gedenken an diese Zeit einfach ausgelöscht werden?

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Ausstellung 'totgeschwiegen' in der Karl Bonhoeffer Klinik verweisen.

Sigrid Born



Aus: Gemeindeblatt der Kirchengemeinde Alt Wittenau, "Der Gruß" Nr.4/1992

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